Ich würde es als chance sehen, …

21. Juni 2020

Als erstes musste ich lachen! Es hat doch mit dieser Coronakrise auch die lebensrealität vieler buddhistischer freunde und langjährig praktizierender regelrecht zertrümmert. Viele gewissheiten und ausgetreten strukturen des alltags sind weggebrochen.

Keine freunde treffen, selbstständigen brachen die einnahmen weg, ablenkung durch konsum war stark eingeschränkt und selbst die Dharmatreffen fielen aus, kurse und belehrungen wurden abgesagt.

Als künstler ohne bisher nennenswerten überregionalen erfolg war mir vieles von dem sehr sehr vertraut, mit dem jetzt ein grossteil der bevölkerung hier bei uns konfrontiert war und ist. Ohne finanzmittel, die über dem bundesdeutschen existenz minimum liegen ist es nun mal schwer soziale kontakte zu pflegen, konsum, gar fernreisen oder ähnliches gab es nicht und auch die Dharmakurse waren in der regel nur möglich, wenn sie jemand spendiert hat, da neben den gebühren ja auch immer anreise, unterkunft usw. anfallen.

Interessant war also zu beobachten, wie auf die neue situation reagiert wird. Wir Buddhisten gehen ja von der unbeständigkeit allen seins aus, meditieren über das abhängige entstehen und sind dann doch be- und getroffen, wenn der shutdown sozusagen unser innerstes trifft. Ich habe das schon öfters festgestellt z.b. auch, wenn ein Dharmafreund*in stirbt. Obwohl ja die erkenntnis u.a. der vergänglichkeit Buddha erst dazu gebracht hat, sich auf den weg zu machen letztendliche befreiung und somit erleichtung zu erlangen, ist die aufregung bei einem todesfall in der gemeinschaft immer sehr gross. Ich will damit nicht sagen, dass ich über den dingen stehe, jedoch habe ich beobachtet, dass eben unser westlicher lebensstil die konfrontation mit so mancher realtität, wie sie auch in den lehren beschrieben wird, das auseinandersetzen mit dem eigentlichen verhindert.

Ich würde es als chance sehen, wenn all diejenigen, denen jetzt die einnahmen weggebrochen sind, den gastronomen, reisebürobesitzern usw. diese erfahrung integrieren und sich mehr z.b. finanziell schwächer gestellten Dharma praktizierenden zuwenden, denn, weil die meisten buddhistischen gemeinschaften auf spenden angewiesen sind, trifft man dort doch sehr oft nur menschen von der mittelschicht an aufwärts. Dann gibt es noch einen anderen effekt, den ich bemerkenswert finde.

Ich wohne hier an einer vierspurigen strasse an der täglich rund 25.000 autos vorbeifahren. Jetzt war stille und wissen darum, dass sehr viele menschen jetzt irgendwie auch allein in ihren wohnungen sitzen, was für mich nichts neues war, da ich schon lange zuhause arbeite, und aus ihrem gewohnten trott herausgerissen sind, fand ich ein spannendes „bild“. Es tauchte die frage auf, wenn immer mehr praktizieren, sitzen wir dann quasi irgendwann als menschheit, jeder für sich, so mit abstand in unseren „höhlen“ und meditieren. Und, wenn alle erleuchtet sind, also keiner mehr der wiedergeburt unterworfen ist, gehen wir dann alle der reihe nach und der letzte macht quasi das licht aus. Ich fand das eine schöne vorstellung.

Jedes lebewesen will glücklich sein. Zu beobachten, dass in der stille der stadt auf einmal wieder die vögel zu hören waren, wildtiere sich ihren raum zurückeroberten war ein wichtige erfahrung. Die coronakrise hat doch vieles offengelegt, auf einmal ist jeder systemrelevant. Das ganze war also auch ein lehrstück des abhängigen entstehens. Wie verändert sich die gesellschaft, wenn dieses oder jenes förmlich wegbricht.

Es geht ja z.b. nicht darum das virus zu leugnen, aber auch ist dieses virus natürlich nichts, was auch sich selbst heraus entsteht, es hat seine ursachen und bedingungen und es führte uns in dieser globalen dimension gut vor, dass mit unserem gesellschftlichem leben genauso ist. Als ein an der gemeinschaft orientiertes wesen ist der mensch doch immer, gerade auch in einer demokratie, dem spagat unterworfen zwischem individuellem und kollektivem.

Manchmal möchte man schreien und grosse politik machen und doch bleibt einem im wahrsten sinne des wortes nichts anderen übrig, als vor der eigenen haustüre zu kehren und z.b. im sinne von karmayoga unachtsam weggeschmissenen müll vor der haustür aufzuheben und zu entsorgen. Diesen kleinen schritt kann jeder machen und er kostet nichts.

Mein sohn hat sich in seiner Bachelorarbeit mit einem text vom historiker Jürgen Osterhammel auseinandergesetzt, nämlich, dass „häufigkeitsverdichtungen von veränderungen“ historische schübe und umfassende transformationen anstossen können. Dies heisst ja nichts anderes, als dass auch die grosse politik, die z.b. das klima berücksichtigt, natürlich durch einzelne wahrnehmungen, entscheidungen und haltungen gemacht wird.

Die konfrontation, die der lockdown für viele hatte, weil sie auf einmal vereinzelt auf sich zurückgeworfen waren, ihr als selbstverständlich empfundener wohlstand einen kratzer abbekommen hat, kann doch über selbstreflexion ins positive gekehrt werden. Diese erfahrung der unbeständigkeit ist doch eine grosse motivation für die praxis der achtsamkeit und des mitgefühls.

Somit eröffnet doch auch für uns Buddhisten Corona eine grosse chance im kleinen anzufangen, die praxis des altruistischen denkens auszuweiten, bis daraus vieleicht ein historischer schub entsteht, der das glück aller lebewesen im fokus hat.


Integration ist keine einbahnstrasse, kultur permanenter wandel: Die schreibweise ist u.a. an das Englische, Spanische und Türkische angepasst. Satzanfang und eigennamen werden gross geschrieben, der rest klein. Das „ss“ entstammt der schreibweise aus der Schweiz.

Karsten Neumann, stadtgründungsbüro Bethang, 21. Juni 2020