Wurzeln, die die Blätter nähren

1. Juli 2020

Bei manchen Mitmenschen kam der Gedanke auf, das der Virus nicht existiert oder mit einer bösen Absicht auf die Welt losgelassen wurde. Beides mit dem Grund uns unserer Freiheit, unserer Grundrechte zu berauben und unsere Wirtschaft zu ruinieren. Man hat uns eingesperrt in unsere Wohnungen oder Häuser und will nicht, dass wir unsere Liebsten besuchen. Als das hochkochte, sprachen Experten von dem „Präventions-Phänomen“. Dadurch, dass die präventiven Maßnahmen ergriffen wurden und Wirkung zeigten, wurde geglaubt, der Virus existiere nicht oder wäre nicht so schlimm und alle Maßnahmen hätten nur einen Zweck: totale Kontrolle und Unterdrückung.

Wenn wir genau hin sehen, finden wir hier Aussagen die weit tiefer gehen, als es mir möglich ist, zu beschreiben. Dennoch möchte ich es ein wenig versuchen. Wir finden hier Fragen wie:
Wer hat Schuld? Wer hat Recht? Ist etwas selbstverständlich? Können wir etwas bewahren, bzw. behalten? Waren wir jemals wirklich frei? Sehen wir uns das einmal genauer an.

1. Ist etwas selbstverständlich? Können wir etwas bewahren, bzw. behalten?

Auf eine sehr harte Weise traf nun durch die Pandemie bei vielen ein, was eigentlich im besten Fall erst sehr spät im Leben eintreten sollte. Verlust. Der Gedanke, dass etwas oder jemand irgendwann verloren wird, wird oft gern weggeschoben. Schließlich ist es ja irgendwann. Durch den Virus allerdings war es nicht irgendwann, sondern jetzt. Wenn ein negatives Ereignis samt seinem dazugehörigen Gefühlen scheinbar plötzlich vor der Tür steht, macht das Angst. Wenn etwas nicht so funktioniert, wie „ich“ es gern hätte, dann werde „ich“ wütend. Warum ist etwas so und nicht anders? Warum „meine“ Familie? Warum „ich“? Warum ausgerechnet jetzt? Diese Situationen können einen sehr in die Enge treiben und oft tut man dann etwas, was man eigentlich nicht tun wollte. Woraus dann wiederum negative Ereignisse und Gefühle entstehen können. Und es beginnt von vorne. Egal was man tut, um diesem Schmerz aus dem Weg zu gehen, irgendwann steht er wieder vor einem. Es dreht sich im Kreis. Betrachten wir das einmal anders. Nichts ist selbstverständlich. Niemand kann das Versprechen halten, dass wir alles was wir lieben, behalten können. Das es uns von Grund an zusteht, ein Grundrecht ist, ist ein wundervoller Gedanke, den wir schützen sollten. Doch diese Dinge sind zerbrechlich und vergänglich. Spätestens mit dem letzten Atemzug müssen wir sie wieder her geben. Jedem steht zu, zu tun, was er oder sie gern tun möchte. Zu lieben, wen und was man lieben möchte. Doch niemand kann es behalten. Es gehörte uns nie. Dieser Gedanke gibt uns die Möglichkeit, das was uns umgibt, als wertvoller zu betrachten. Was können wir also tun, wenn uns etwas negatives überrollt? Wir können atmen, so komisch sich das anhört. Der Atem ist immer da. Vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug verbindet uns der Rhythmus von Ein- und Ausatmen. Auch wenn wir unsere Häuser oder Wohnungen nur zum Einkaufen oder Arbeiten verlassen dürfen, können wir verbunden sein. Allein durch das Atmen. Darin steckt ein wunderbarer Gedanke. Man muss nicht da sein, um da zu sein. Persönlich habe ich den Verlust meines Bruders erlebt, als ich vierzehn war. Er starb eine Woche vor Weihnachten an einer Lungenembolie, da war er gerade neunzehn. Jahre voller Krankheit liegen hinter mir, durch die ich oft nicht tun konnte, was ich so liebte. Doch durch die Liebe war ich nie weit weg. Weder von meinem Bruder noch von den Aktivitäten. Liebe verbindet uns und wir können lieben, auch wenn uns etwas oder jemand nicht mehr direkt umgibt. Negatives gehört zu unserem Leben, genau wie positives. Weder an dem einen zu klammern, noch das andere abzulehnen wird oft als der Königsweg bezeichnet, auf den wir uns allein durch das Atmen begeben können.

2. Wer hat Recht?

Möglicherweise steckte eine böse Absicht hinter all dem, möglicherweise auch nicht. Nun steht „Meine Meinung“ gegen „Deine Meinung“. Wer hat Recht? Wer hat Schuld? Man kann sich ewig darüber streiten. Denn „Ich“ bin nicht schuld und „Du“ ja auch nicht, „Ich“ habe nicht Recht und „Du“ auch nicht. War vielleicht ein Dritter im Spiel, hat er Schuld? Hat er Recht? Wir können dieses Spiel ewig spielen. Das „Schuld-Verschiebe-Spiel“. Und wir werden es nie zu Ende spielen können. Aus diesem Spiel ergeben sich Lager. „Ich“ gegen „Du“, „Wir“ gegen „Die“. Das Konfliktpotential ist offensichtlich. Innerhalb eines Wimpernschlages kochen die Gemüter hoch. Es gibt Streit. Man kämpft mit Worten und wird in seiner Rage verletzend. Vielleicht auch körperlich. Das ist Zeitverschwendung, denn wie wir gesehen haben, kann alles in einem Augenblick vorbei sein. Als Folge haben wir Schmerzen und Narben. Physisch und Psychisch. Drehen wir das Ganze einmal um. Atmen wir einmal tief ein und aus. Letztlich bestehen diese Lager aus Ansichten und Meinungen. Aus einer Perspektive, aus der man die Sache betrachtet. Lassen wir den Anderen einfach mal seine Meinung äußern, ohne ihn mit unserer Meinung zu bombardieren. Und wir werden sehen, es ist ein Mensch, der genau soviel Angst hat, wie wir. Der Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen hat, wie wir. Plötzlich ist „Mein“ gegen „Dein“ verschwunden. Wo ist es hin? Es ist nirgendwo hin, es hat nie existiert. So wird aus „Mein“ gegen „Dein“, „Mein“ und „Dein“. So können wir lernen und unsere Perspektive für einen Moment verschieben und die des Anderen sehen. So können wir Wunden heilen, Frieden schaffen, Freunde gewinnen und zu einer Einheit werden.

3. Und wer hat jetzt Schuld?

Schuld bedeutet, dass „Ich“ „Mein“ Problem auf jemanden oder etwas ablade. Etwas außerhalb, eine Person oder eine Situation, soll die Verantwortung tragen, für das was „Mir“ passiert. Das heißt, dass Problem von außen kommt. Das wiederum bedeutet, dass „Ich“ von Anfang an nie wirklich frei war, um zu Handeln wie „Ich“ es möchte, wie „Ich“ es für richtig halte. Wobei sich der Gedanke, dass uns jemand die Freiheit und unsere Grundrechte nehmen möchte, dass uns jemand kontrollieren möchte und es vielleicht auch schon tut, wiederholt. Betrachten wir das einmal anders.

4. Waren wir jemals frei?

Wie wir gesehen haben, kommen wir alle mit biologisch konditionierten Algorithmen auf die Welt und streben alle nach dem Erfüllen unserer Bedürfnisse. Wir wollen etwas, um die Gefühle zu erleben, die mit der Erfüllung des Ersehnten entstehen. Doch wenn unser Sehnen nicht erfüllt wird oder es sich um was handelt, was uns nicht gefällt, sind wir niedergeschlagen und deprimiert, voller Wut und Angst. Etwas wird uns entrissen, verweigert oder wird von uns verlangt. Möglicherweise von einer anderen Person oder durch äußere Umstände, wie einem Virus. Wir leben eingesperrt in Muster aus Verlangen in einem Leben, oft mit großem Leid gefüllt. Das Schlimme ist, das wir auch noch glauben, nicht wirklich frei sein zu können.

Alles, was uns umgibt, lebt in einem Gleichgewicht zusammen und entsteht und vergeht in Abhängigkeit von einander. Also ist unsere Freiheit doch von äußeren Dingen abhängig? Nein. Wir können und sollten Menschen, Aktivitäten und Dinge lieben, doch wir sollten uns nicht an sie klammern. Darin liegt Freiheit. Nun könnte man wieder von vorne anfangen und sagen „Ja, aber…“ Es gibt viel Leid. Sexuelle Übergriffe, soziale Ungerechtigkeit, Hunger… Wir könnten diese Liste weiter führen und kämen nie zu einem Ende. Wir würden nur wieder von vorne anfangen, uns zu streiten. Wer hat Recht? Wer hat Schuld? Wir sind hier wieder bei dem Kern des Problems angelangt. „Mein“ gegen „Dein“, Anhaftung und Abneigung. Machen wir aus „Mein“ gegen „Dein“, „Mein“ und „Dein“ indem wir einmal tief atmen. Das würde unsere Welt meiner Meinung nach lebens- und liebenswerter machen. Wir sollten Gleichmut und Gemeinsinn durch das Atmen zu entwickeln. Wir sind Teil dessen, was uns begegnet, also Teil des Ganzen. In dem Atmen sind wir alle Eins. So, wie die Wurzeln die Blätter nähren.

Melanie Mülle, 1. Juli 2020