Auswirkungen des Krieges in der Ukraine

4. Juli 2022

David Braughton, stellvertretender Vorsitzender der buddhistischen Hilfsorganisation Buddhist Global Relief, über steigende Armut, Hunger und zusätzliche Mittel, die die Organisation und ihre deutsche Schwester Mitgefühl in Aktion zur Verfügung stellen.

Foto: Mirek Pruchnicki, used under a Creative Commons license

Die Szenen der weit verbreiteten Zerstörung und Verwüstung, die aus der Ukraine kommen, erinnern an eine postapokalyptische Welt, wie sie in Graphic Novels1 beschrieben wird, in denen das Undenkbare geschehen ist. Leichen liegen auf den Straßen, ganze Wohnviertel sind zerstört, sichere Zufluchtsorte – Krankenhäuser, Bunker, Kindertagesstätten – wurden bombardiert, und eilig ausgehobene Massengräber verschandeln die Landschaft. Ein Foto zeigt eine Frau, die um ihr kleines Kind trauert, das bei einem Raketeneinschlag getötet wurde. Ein anderes zeigt eine ältere Frau, die sich verzweifelt an den Trümmern ihres ehemaligen Hauses festkrallt, in der Hoffnung, unter den zerbrochenen Ziegeln und dem zerfetzten Gebälk ihre Angehörigen noch lebend zu finden. In einem anderen Bild blicken Männer vergeblich auf ein Wohnhaus, aus dem Flammen aus den Räumen schlagen, die die Menschen bis gestern noch ihr Zuhause nannten.

Über 4 Millionen Ukrainer sind aus ihrer Heimat in die Nachbarländer geflohen. Sie sind die Glücklichen. Weitere 7,1 Millionen Ukrainer sind vertrieben worden, und Tausende sind umgekommen. Was diese Bilder nicht zeigen, ist der Hunger, dem viele Ukrainer jetzt ausgesetzt sind, während gleichzeitig Lagerhäuser mit Tausenden Tonnen Weizen, Mais und Sonnenblumenöl gefüllt sind. Bauernhöfe, die einst genug Getreide anbauten, um 400 Millionen Menschen zu ernähren, sind gerade zu Beginn der Anbausaison zu Schlachtfeldern geworden. All dies sind Vorboten einer noch größeren Katastrophe für die Menschen auf der ganzen Welt, die für ihre tägliche Ernährung auf ukrainisches Getreide und Öl angewiesen sind.


Schon vor Ausbruch des Krieges litten schätzungsweise 881 Millionen Menschen, d. h. etwa 10 % der Weltbevölkerung, unter chronischer Unterernährung. Lokale Konflikte, der Klimawandel, Unterbrechungen der Versorgungskette, steigende Treibstoffpreise und die durch COVID verursachte chronische Arbeitslosigkeit hatten viele dieser Menschen bereits an den Rand des Hungertodes gebracht. Das Welternährungsprogramm (WFP) schätzt, dass infolge des Krieges bis zu 250 Millionen weitere arme Menschen auf der Welt von akutem Hunger betroffen sein werden.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds sind die Kosten für Weizen zwischen April 2020 und Dezember 2021 um 80 Prozent gestiegen. Kürzlich wurde in einem UN-Bericht festgestellt, dass die Lebensmittelpreise im vergangenen Jahr weltweit um 34 Prozent gestiegen sind. Für Menschen in armen Ländern wie Ägypten, die bis zu 50 oder 60 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben können, hat dieser Anstieg dazu geführt, dass viele lebenswichtige Güter wie Brot und andere Grundnahrungsmittel für sie unerschwinglich geworden sind. Vor vier Monaten konnte man für fünf ägyptische Pfund (circa 25 europäische Cent) zehn Laibe Brot kaufen, jetzt sind es nur noch sieben.

Zu den Ländern, die am stärksten von den ukrainischen Exporten abhängig sind, gehören Ägypten, Libyen, Marokko, Tunesien und der Sudan, berichtet das WFP. Doch die Auswirkungen sind weltweit zu spüren, selbst in so abgelegenen Orten wie Peru und Sri Lanka, wo die ständig steigenden Lebensmittelpreise zu politischen Unruhen und Instabilität beitragen. In beiden Ländern kam es zu Massendemonstrationen und in einigen Fällen zu Ausschreitungen, um gegen die Verknappung und Verteuerung von Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Mais und Benzin zu protestieren.

Die westlichen Länder haben auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine mit harten Wirtschaftssanktionen reagiert und die Ukraine hauptsächlich mit Verteidigungswaffen beliefert. Das Ergebnis ist ein noch teurerer Treibstoff, der Verlust einer weiteren wichtigen Quelle für Grundnahrungsmittel und ein drastischer Rückgang der Düngemittelausfuhr, auf die viele Landwirte für den Anbau ihrer Pflanzen angewiesen sind. Hinzu kommt die Dürre, die die Weizenerträge im Westen der Vereinigten Staaten und anderswo verringert hat, so dass sich die Lage noch weiter zuspitzt.

Das Welternährungsprogramm, das täglich etwa 250 Millionen Menschen ernährt, berichtet, dass es vor dem Krieg 50 Prozent seines gesamten Getreides aus der Ukraine bezog. Jetzt muss es aufgrund von Engpässen und steigenden Transport- und Betriebskosten jeden Monat 71 Millionen Dollar mehr ausgeben. David Beasley, der Exekutivdirektor des Programms, hat erklärt, dass das WFP die Rationen möglicherweise um die Hälfte kürzen muss, um auch die Millionen von vertriebenen Ukrainern und die Millionen von Menschen in anderen Teilen der Welt zu ernähren, die nun von Ernährungsunsicherheit und der Gefahr des Verhungerns bedroht sind. Das bedeutet, dass unterernährten Kleinkindern in Afrika Nahrung weggenommen wird, um sicherzustellen, dass Menschen, deren Häuser und Leben zerstört wurden, sowie diejenigen, die weit entfernt vom Konflikt leben, nicht verhungern. Beasley sagt weiter: „Wir haben jetzt 45 Millionen Menschen in 38 Ländern, die an die Tür der Hungersnot klopfen.“ Und der Preisanstieg in Ländern wie Syrien wird 100 oder 200 % betragen. Im Jemen hat das Welternährungsprogramm (WFP) bereits die Rationen für 8 Millionen Menschen gekürzt und für die Menschen im Tschad, Niger und Mali um etwa 50 %.

Die schreckliche Ironie besteht darin, dass die Welt heute über einen Reichtum von 430 Milliarden Dollar verfügt, so dass es keinen Grund gibt, dass ein Kind an Hunger stirbt. Wenn nicht sofort gehandelt wird, sagt er voraus, dass die Welt nicht nur Unruhen und politische Instabilität, sondern auch eine in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesene Massenmigration erleben wird.

Soweit der Bericht von Beasley.

Die buddhistische Hilfsorganisation Global Relief hat ihrerseits einmalige zusätzliche Mittel für 22 der von ihr derzeit geförderten Projekte zur direkten Nahrungsmittelhilfe bereitgestellt. Diese Projekte befinden sich in Bangladesch, Kambodscha, Kamerun, Kenia, Haiti, Indien, Malawi, der Mongolei, Peru, Uganda, Vietnam und den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus gewährte die BGR im März fünf Organisationen, die vor Ort in der Ukraine und den umliegenden Ländern tätig sind, Soforthilfe in Höhe von 10.000 US-Dollar. Die Schwesterorganisation der BGR, Mitgefühl in Aktion e.V. hat ihrerseits 40.000 Euro in Projekte in Afghanistan, Bangladesch, Myanmar, Indien, Kambodscha, Kamerun und der Mongolei investiert und 11.000 Euro Direkthilfe für Hilfsaktionen im Kriegsgebiet der Ukraine geleistet. Beide Hilfsorganisationen beabsichtigen gemeinsam dort ihre Hilfe auszuweiten, da aufgrund der Krise in der Ukraine weltweit dringender Bedarf besteht.

David Braughton
stellvertretender Vorsitzender von Buddhist Global Relief


Übersetzung: 

Raimund Hopf, Mitgefühl in Aktion

Anmerkungen:

1eine Art Comik-Roman

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