„AWARE – Reise in das Bewusstsein“

26. August 2021

Dokumentarfilm von Frauke Sandig und Eric Black,
KINOSTART: 2 September 2021. 

Noch immer ist es ein großes Rätsel und Geheimnis, was das Bewusstsein ist, woraus es besteht. Der Film bietet den Zuschauerinnen und Zuschauern keine fertige Lösung, sondern lädt sie ein, sich von alten Überzeugungen zu befreien und die eigene Forschungsreise zu beginnen.

© Black

Am Anfang steht die, den meisten Buddhistinnen und Buddhisten wohlbekannte Parabel von den sechs Blinden, die eine Beschreibung eines Elefanten abgeben sollen, dabei aber jeweils nur einen Teil der Wirklichkeit erfassen. Im Film sind sie Forscherinnen und Forscher, die aus radikal unterschiedlichen Traditionen kommen und unterschiedliche Herangehensweisen haben. Sie haben ihr Leben der Suche nach dem Bewusstsein verschrieben und gleichzeitig auch sehr persönliche Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Anders als die Parabel impliziert und die Filmemachenden zunächst angenommen hatten, sind sie zu Erkenntnissen und Sichtweisen gekommen, die sich in überraschendem Ausmaß überschneiden und denen ähneln, die für östliche Weisheit und indigene Kulturen schon immer selbstverständlich gewesen sind. 

Der berühmte Neurologe Christof Koch, der einen Atlas des Gehirns erstellen will und lange glaubte, dass das „Problem des Bewusstseins“ allein mit Methoden der Neurowissenschaft gelöst werden könnte, musste feststellte, dass die Neurowissenschaft bisher keine überzeugende Antwort auf die Frage gefunden hat, wie subjektive Erfahrung entsteht. Im Film sagt er: „Heute glaube ich, dass Bewusstsein eine fundamentale, eine elementare Eigenschaft lebender Materie ist.“ 

Von einer anderen Seite her nähert sich der bekannte buddhistischen Mönch und Autor Matthieu Ricard dem Thema. Für ihn ist der Buddhismus die Wissenschaft mit der er dem Geist nachgeht. Er sucht nach dem reinen Bewusstsein und das von innen heraus. „Bewusstsein ist ein unendlicher Strom, in dem ein Moment aus dem anderen hervorgeht“, sagt er. „Das von innen zu untersuchen, vor allem durch Meditation, ist kein Problem, da man das Bewusstsein nicht verlässt.“ 

Matthieu Ricard & Mingyur Rinpoche, © Black

Die Biologin Monica Gagliano, Professorin und weltweit renommierte Pionierin des neuen Forschungsgebietes der Bioakustik, erforscht als eine der ersten die kognitiven Fähigkeiten und das Verhalten von Pflanzen. Ihre Daten sind wissenschaftlich unanfechtbar, aber für viele verstörend. „Die Ergebnisse, die wir im Moment im Bereich der Pflanzenkommunikation bekommen“, sagt sie „bringen uns zu unbequemen Fragen: sind Pflanzen empfindungsfähig, intelligent, haben sie Bewusstsein?“ Ihre Forschung führte sie zu der Erkenntnis: „Wir sehen die Welt als getrennt von uns und wir sehen Dinge, nicht Wesen. Ab dem Moment, wo wir verstehen, was Bewusstsein wirklich ist, dieser große Ozean, der verschiedene Formen und Gestalten annimmt, sehen wir einfach uns selbst. Du würdest dich nicht selbst verletzen, zerstören oder umbringen, so wie wir das mit unserer Umwelt machen, die aber auch wir selbst ist.“

Monika Gagliano, @ Black

Die Maya-Heilerin und Therapeutin Josefa Kirvin Kulix, sieht in der Natur mit ihren Netzwerken ihre größte Lehrmeisterin, sie war von klein auf Pflanzenheilkundlerin. Als studierte Psychologin folgt sie ihrem Interesse, moderne Psychologie und Psychotherapie mit indigener Tradition und Denkweise zu verbinden. Für sie ist es selbstverständlich, dass Pflanzen Bewusstsein haben und kommunizieren. „Sie spüren es, wenn man sie abschneiden will.“, sagt sie. „Alles hat dieselbe Essenz“ und „Wir müssen aufwachen, wir schlafen.“ 

Der Psycho-Pharmakologe und Psychedelika-Forscher Roland Griffiths lässt Probandinnen und Probanden unter dem Einfluss von Psylocybin, einer die Psyche und das Bewusstsein verändernden Substanz, von ihren Erfahrungen berichten, wobei gleichzeitig Hirnströme gemessen werden. Unter der Erfahrung mit der Substanz nimmt das Selbst-Gefühl ab und die Probandinnen erleben ein Gefühl der Freiheit von gewohnheitsmäßigen Reaktionen, im Gehirn ist eine größere Vernetzung zu sehen. Sie beschreiben ein Gefühl der Einheit und Verbundenheit aller Wesen und Dinge, verbunden mit einem Gefühl tiefer Ehrfurcht. Manche beschreiben es als Leere, andere als weißes Licht. Es bleibt ein Gefühl von Gewahrsein, das Gefühl Zeuge zu sein, von Erwacht-sein. Eine große Mehrzahl der Proband:innen bezeichneten diese Erfahrung als eine der wichtigsten in ihrem Leben – vergleichbar der Geburt des ersten Kindes oder dem Tod eines nahen Verwandten. „Weiß der Fisch, dass er im Wasser ist? Erkennen wir wirklich, dass wir permanent in einem Ozean des Bewusstseins schwimmen?“ fragt Roland Griffiths an einer Stelle. „In unserer Kultur ist das oft nicht der Fall.“

Der Philosophieprofessor Richard Boothby war bereits vor 10 Jahren Teilnehmer in Roland Griffiths Studie. Die Teilnahme an der Studie kurz nach dem Suizid seines Sohnes, löste bei ihm tiefe Eingebungen, theologische und philosophische Offenbarungen aus und das Gefühl, Einblick in etwas von ultimativer Bedeutung und Wirklichkeit zu bekommen. „Dieses Experiment hat mein Leben total verändert.“, sagt er. Für ihn geht es vor allem um Öffnung. „Die Erfahrung ist nicht durch die Droge erzeugt“, sag er „Diese hilft nur, die Tür zu öffnen. Sie ist aber nicht das, was hinter der Tür ist.  Die Frage ist, wieviel Realität verträgst du? Normalerweise ist es die Funktion unseres mentalen Apparates, die Öffnung zu verringern, auf die engste Öffnung, so dass man nicht überwältigt wird. Psilocybin öffnet die Blende.

© Black

Die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins und der Verbundenheit aller Dinge hat auch eine politische Dimension, denn unsere Antwort hat einen tiefgreifenden Einfluss darauf, wie wir die Welt sehen und wie wir miteinander umgehen. Sehen wir den Rest der Welt als bloße Objekte oder ist, wie Monica Gagliano meint, der Mensch nur eine von vielen Formen und Gestalten, die das Bewusstsein annimmt?

Der Film macht die Grenzenlosigkeit des Bewusstseins auf zutiefst berührende Weise sichtbar und geradezu erfahrbar. Mehr noch als die Bildsprache, die die Netzwerke des Bewusstseins beeindruckend abbildet, tragen dazu die Einblicke in die Erkenntnisse der Forschenden bei, deren Vorstellungen sich im Laufe ihrer Untersuchungen zum Teil umfassend und mit Konsequenzen für das eigene Leben verändert haben. Wer sich auf diesen Film einlässt, kann dem Wissen von der Verbundenheit des gesamten Seins ein Stück näherkommen.

Kirsten Schulte 

Film-Websites:

aware.piffl-medien.de (mit Kino-Finder)
aware-film.com/de/