Der Koan-Übersetzer, Kommentator und Tee-Lehrer Dietrich Roloff ist gestorben
23. Dezember 2025 | _Alle | Aktuell | Nachruf
Dietrich Roloff, 1934 geboren, ist am 10. Oktober, wenige Wochen nach seinem 91. Geburtstag, in Hannover gestorben.

Nach dem Abitur in seiner Geburtsstadt Osnabrück studierte er an den Universitäten Freiburg und Münster Griechisch, Latein und Philosophie, an letzterer promovierte er über Platon. Mit seiner zur Habilitation vorgelegten und bei Carl Winter veröffentlichten Schrift über Platons Theaitetos, die völlig von den üblichen Interpretationen abwich, löste er einen wissenschaftlichen Streit aus, der ihn schließlich bewog, seine universitäre Karriere zu beenden. Er wechselte in den Schuldienst, als Lehrer, der sein Wissen und Können weitergeben wollte und konnte: neugierig, gründlich und eigensinnig, aber auch fähig, beides für Schüler*innen aufzubereiten und nutzbar zu machen. Dabei konnte er interessiert zuhören, ebenso aber herausfordern. All das zeichnete ihn aus, nicht nur bei der Einführung des Faches Philosophie in Niedersachsen, die er mitgestaltete.
Als an der Schule in Hannover, an der er arbeitete, ein Chinesisch-Kurs angeboten wurde, setzte er sich selber wieder auf die Schulbank, um diese Sprache und die damit verbundene Weltsicht kennen zu lernen. Zwar gab es Widerstände aus der Schulverwaltung – ein Lehrer zugleich als Schüler, da befürchtete man Autoritätsverlust. Das sah er anders; zum Glück für die deutsche Chan/Zen-Gemeinde, gelegentlich jedoch zum Schrecken seiner Familie und Freunde, hatte Dietrich Roloff Zeit seines Lebens einen respektablen Dickschädel!
Aus den falschen Gründen (hereingefallen auf Eugen Herrigels „Zen in der Kunst des Bogenschießens“, wie er das selbst formulierte) tat er auch außerhalb der Schule das Richtige: Er nahm im Haus der Stille in Roseburg an einem Sesshin bei Oi Saidan, dem Abt des Myoshin-ji (einem Haupttempel der Rinzai-Shu in Japan) teil. Und kam von der Beschäftigung mit Rinzai-Zen, über die er sich weiterentwickelte zum Linji-Chan, nicht mehr los.
Nach einigen Veröffentlichungen in Taschenbuchreihen übersetzte er die drei großen Koan-Sammlungen des Chan-Buddhismus Bi-Yan-Lu, Cong-Rong-Lu und Wu-men-guan aus dem chinesischen Original, versehen mit ausführlichen Erläuterungen. Diese Übersetzungen sind nicht nur wegen des Umfangs und der Qualität – auch der Kommentare -, eine bisher einmalige Leistung. Sie gelten zudem in den einschlägigen Chan/Zen-Kreisen als die je besten derzeit erhältlichen Ausgaben.
Die Fülle an Wissen und Erkenntnis, die aus dieser Übersetzungsarbeit und seiner bei Oi Saidan begonnenen und bei dessen Nachfolger Usami Sogen abgeschlossenen Koan-Schulung resultierte, war gleichermaßen Hürde und Hilfe für all diejenigen, die sich unter seiner Anleitung auf Koan einließen. Wobei Dietrich Roloff den Schreiber für diesen Satz heftig zur Rechenschaft ziehen würde, pflegte er doch Zeit seines Lebens bestmöglich Distanz zu all den Meistern, Roshis und Gurus auf dem Markt der Erleuchtung und wurde zunehmend skeptisch gegenüber allen Übertragungswegen und ominösen Buddha-Naturen.

Davon zeugen seine letzten drei Chan/Zen-Bücher, kleinere Übersetzungen, Sammlungen von Aufsätzen und späte Erläuterungen seiner früheren Koan-Gedichte. „Zen – vom Kopf auf die Füße gestellt“, so hieß nicht nur die noch einmal völlig neu bearbeitete Übersetzung des Wu-men-guan, das war auch das Motto dieser späten Arbeiten. Niemals überschritt er dabei die Grenze hin zu einem bloß noch despektierlichen Chan/Zen-Renegaten, doch er genoß es, auf den Köpfen fiktionaler Buddhas zu tanzen, und trat Nachbetern reiner Lehren gern mal auf die Füße.
Mit seiner Frau Jana pflegte er den Teeweg der Ueda Soko Ryu. Auf gemeinsamen Reisen nach Hiroshima, den Hauptsitz der Schule, vertieften sie ihre Kenntnisse und wurden offiziell als Lehrerin und Lehrer anerkannt. So konnten sie einen in Deutschland weithin anerkannten Zweig dieser Teeschule aufbauen und, solange dies seine Gesundheit zuließ, gemeinsam unterrichten. Mit abnehmenden Kräften musste er die anstrengenden Aufgaben und Rituale mehr und mehr seiner Frau überlassen. Er nahm allerdings die Beschäftigung mit der „Platonische(n) Ironie“ noch einmal auf und vollendete kurz vor seinem Tod dieses Projekt zu den drei späten Dialogen Platons. Kritisch, wenn auch grundsätzlich wertschätzend gegenüber der traditionellen Forschung, verweist er am Ende des bisher unveröffentlichten Buches auf die offenen menschlich-existenziellen Fragen, die für ihn diese Werke des Griechen Platon mit den chinesischen Koan verbinden.
Es ist deshalb ein Zitat aus den Cong-rong-lu, das Dietrich Roloff bis in seine letzte Lebenszeit beschreibt und das er sehr mochte. Es findet sich dort im Lobgesang zum Koan 47 und lautet:
„Der greise Zhao-zhou! Der greise Zhao-zhou! Unruhe in den Chan-Klöstern zu stiften – noch im hohen Alter hört er nicht damit auf!“
Wer das Glück hatte, Dietrich Roloff kennenzulernen, wird ihn nicht nur als Unruhestifter sehr vermissen.
Eberhard Kügler
